Der Tscheche in deutschem Freizeitdress

Auffällig am Bahnhof von Cheb, von deutschen Zugbegleitern im Vorfeld der Grenze per Durchsage stets als Tschepp bezeichnet, sind die vielen Tschechen, die sich an deutsche Freizeitdressgewohheiten angelehnt haben. Inspiriert von Tatonka und North Face – aber für sie immer noch made in Vietnam. Labbrige, verwaschene Farben mit gewagten Blütendessins hängen über den Schwabbelbier- und Schweinebraten- bäuchen. Das Holzfällerfreizeithemd wird nur an einem Knopf in der Mitte zusammengehalten, auf dass die lockre Schürzung dem geneigten Betrachter die Pracht der Behaarung und Leibesfülle erahnen lässt. Vollends erkenntlich zeigt sie sich jedoch beim Verstauen diverser Gepäckutensilien im Gepäckträger über den Sitzplätzen im Abteil, das Freizeithemd gibt dann mehr preis als es im nicht gestreckten Körperzustand noch zu verbergen versuchte. Wirkt durch die Unverfrorenheit echt, fast, heuchlerischer Leser verzeih, wollte ich schon authentisch schreiben. Die von mir um vier Uhr morgens am Nürnberger Hauptbahnhof beobachteten Raver mit rosafarbenen knielangen T-Shirts und gleichfarbigen Lackbaseballkäppis wirken dagegen wie Schillers Vergleich zwischen sentimentaler und sentimentalistischer Dichtung. Petruschka steigt in Pilsen zu, es beginnt eine nicht enden wollende Zugfahrt in Richtung polnischer Grenze. Petruschka weist mich gleich darauf hin, dass er wohl genötigt sein werde, an der ukrainischen Staatsgrenze die Damen und Herren vom Zoll seines Heimatlandes mit einer gehörigen Handsalbe uns beiden Reisenden gesonnener zu stimmen.

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