Indirektheit versus Direktheit

Ich habe in der Kommunikation mit Bolivianern gemerkt, dass meine direkte Art bei meinem Gegenüber eher schlecht ankommt. Für deutsche Verhältnisse habe ich mich bisweilen nicht als direkt erlebt.

Bolivianern ist die direkte Art fremd. Ähnliches ist in Südostasien und in Amerika zu beobachten, dass man möglichst um den heißen Brei herumredet, um z.B. den anderen nicht zu verletzen.

In Bolivien nennt man das  “hablar con rodeos“. Wenn man z.B. keine Zeit für den anderen hat, wird erstmal gesagt, dass es einem furchtbar leid tut, dass man sich auf jeden Fall gerne getroffen hätte und man sowieso diese Person so mag, aber heute hat man keine Zeit, aber an einem anderen Tag sicher. Dabei wird eine Mitleidsmiene aufgesetzt, dass ja der andere nicht verletzt wird.

Ich habe erlebt, dass man Konflikten eher aus dem Weg geht. Deshalb hört man gerne auf Bitten: Si, si, si, voy a hacerlo -Ja, ja, das werde ich erledigen. Als Deutscher ist man dann zufrieden, weil man an­nimmt, dass das Problem termingerecht gelöst wird. Wieder trifft man auf das Phänomen, dass man den Gesprächspartner oder den Kunden nicht verletzen möchte bzw. keiner Kritik ausgesetzt werden will. Der Termin wird entweder nicht eingehalten, weil der bolivianische Part eigentlich beim Gespräch schon wusste, dass er den Termin nicht einhalten kann oder wusste, dass er es nicht machen wird. Ein Bolivianer, der von „mañana” oder “otro día” redet, meint damit, nicht morgen, sondern eher “gar nicht”. Er formuliert es aber in schönen Worten. Deshalb kann man diese Worte auch benutzen, wenn man auf dem Markt ist. Feilschen Sie ruhig mit den Verkäufern, da diese, wenn sie einen „Gringo“ (Weißer, abfällig gemeint) erspähen, erstmal einen Grin­gopreis verlangen. Sie können ruhig feilschen.

Ich habe folgendes auf dem Markt für Artesania (Kunsthandwerk) erlebt, als ich ein Poncho kaufen wollte und den Preis runterhandelte. Die Verkäuferin sagte zu mir: Na gut, ich gebe ihn dir für xx bolivianos, aber das sag ich dir, bei einem Gringo hätte ich mehr verlangt!

In einer Sache sind die Bolivianer sehr direkt, wenn es um Schönheit und um körperliche Rundungen geht. Man sagt offen und frei, wen man schön findet oder ob dieser eine schiefe oder große Nase hat. Als ich das zweite Mal mit meinen deutschen Eltern in Bolivien war, waren wir von bolivianischen Freunden zum Essen eingeladen worden. Ich sprach damals kein Wort spanisch und musste mir übersetzen lassen. Der Gastgeber begrüßte mich mit den Worten: „Cómo estás? Bien? Ohh, la última vez eras poco más delgada.” Ich verstand kein Wort, deshalb wartete ich auf die Übersetzung. Ich konnte nicht glauben, was er da gesagt hatte. Er sagte nämlich, dass ich das letzte Mal, als ich in Bolivien war, schlanker war. Mir blieb der Mund offen und ich dachte erst: Jetzt verlasse ich sofort das Haus. Hier in Deutschland wäre das undenkbar, jemanden auf seine Körperfülle anzusprechen.

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