„Nosotros bolivianos somos muy emocionales“1.
Mit diesem Satz beginnt ein Bolivianer eine Rede über seine Landsleute, als er bei einer Veranstaltung in Deutschland gebeten wird, sein Land zu beschreiben. Das kann generell für viele lateinamerikanische Länder zutreffen, in denen die Menschen ihre Emotionen eher offen leben. Intensiv zu fühlen, scheint ein bolivianisches ja fast ein lateinamerikanisches Lebensmotto zu sein. Schauen Sie sich mal die Dankesreden von Claudia Llosa und von Magaly Solier an, die sie gehalten haben, als sie sie im vorletztem Jahr den goldenen Bären für den peruanischen Film „La teta asustada“ 4 gewonnen haben.
Darum ist es nicht verwunderlich, dass viele Lateinamerikaner Deutsche als gefühlskalt empfinden. Für mich gibt einen Erklärungsversuch, dass Deutsche für Lateinamerikaner etwas kalt wirken. Deutsche gelten eher als rational und ihre Gefühle tragen sie nicht so nach außen wie Lateinamerikaner. Emotionen werden eher unterdrückt. Zu Beobachten ist das z.B. beim Tanzen. Während ein “Lateinamerikaner” sofort bei dem ersten Ton anfängt, zu tanzen, tut sich mancher hierzulande schwer, sich zu bewegen. Obwohl sich generell Frauen mit der Bewegung leichter tun, sitzt der Denker am längeren Hebel. Rationale Fähigkeiten werden vor allem im Arbeitsleben erfordert. Organisieren können, Terminieren, Konzentriert und kontrolliert arbeiten, schnell umdenken können, neue Lösungswege erarbeiten sind vorrangig für den Kopf gemacht. Aber für das Tanzen z.B. sind sie erstmal nicht so wichtig. Keiner verlangt von uns auch noch beim Tanzen Perfektionismus oder Höchstleistung zu bringen. Lassen sie sich einfach auf den Rythmus ein, egal welche Musikrichtung es ist.
So wird auch klar warum, kein Lateinamerikaner sagen wird.”Espera, estoy pensando..” – Warte, ich denke gerade nach. Diesen Ausdruck habe ich in Bolivien oft benutzt und meine Gesprächspartner wurden dann immer ungeduldig. “Qué te pasa? ¿Estás enojada?“ 2 „¿Por? ¿De qué estás pensando, dios mío?“3
Die Schlussfolgerung zu ziehen, dass Deutsche keine Gefühle hätten wäre genauso falsch, als würde man behaupten, dass Lateinamerikaner nie nachdenken und keine rationalen Fähigkeiten besitzen würden. Wie Dagmar Kumbier sagt, dass Lateinameriker z.B. Geschäftsbeziehungen erst mit der emotionalen Ebene beginnen. Sie bauen erst einmal eine Beziehung zum Partner auf. Ein Deutscher hätte zuerst seinen Businessplan gezückt und detailliert über sein Produkt referiert.
Der Klang der spanischen Sprache unterstützt diese Emotionalität. Das Gesprochene wird mit Gesten untermalt, so dass man ohne die Sprache zu verstehen, dennoch den Sinn herausfinden kann. Außerdem bietet sie zudem einen Reichtum an Adjektiven. Z.B. kann der männliche Bolivianer seiner Verehrerin(nen) linda, bonita, bella, guapa, hermosa, maravillosa hinterher rufen. Gerne werden auch starke Ausdrücke benutzt. Interessant ist auch die Benutzung von„carajo“ benutzt wird. Es gehört allerdings nicht zum feinen Ton, das Wort in sein Vokabular einzufügen. Carajo ist eine Verstärkung von „Verdammt noch mal“ und ist dem englischen Wort „fuck you“ gleichzusetzen. Es wird aber nicht nur dazu benutzt, um eine Ungeschicklichkeit zu bedauern, sondern auch etwas Positives auszudrücken. Je nach Tonlage und Situation hat „Carajo“ eine andere Bedeutung.
Allerdings wird auch nicht jedes Gefühl präsentiert! Wenn es einem nicht so gut geht, verfällt man nicht so schnell ins Lamentieren. Wie es demjenigen wirklich geht, bekommt man erst nach einem längeren Gespräch mit und erst dann, wenn eine gewisse Vertrautheit entstanden ist, aber das ist in Deutschland auch nicht anders. Das Zeigen von Trauer gehört auch in den Intimbereich, wie in Deutschland. Weinen oder traurig sein, gilt als ein Zeichen der Schwäche. Vor allem Männer haben es gelernt Gefühle der Trauer zu unterdrücken. Nur Kinder in allen Kulturen sind noch fähig Gefühle aller Art auszudrücken. Sie drücken das aus, was wir uns nicht mehr trauen auszudrücken.
1 Wir Bolivianer sind sehr emotional.
2 Was ist los mit dir? Bist du verärgert?
3 Por = Abkuerzung von Por qué, Warum? Über was denkst du denn nach, um Himmels Willen!
4 ÜS: die erschrockene Brust (eigentlich vulgär: Titte)