Familie

Das Heiratsalter liegt in Bolivien deutlich niedriger als in Deutschland, obwohl die Zahl der Heiratswilligen aufgrund der hohen Scheidungsraten gesunken ist. Es gibt viele alleinerziehende Frauen. Sie verzichten oft auf eine feste Bindung, weil sie ein negatives Männerbild haben und sich nicht auf den Mann verlassen wollen.

Während in Deutschland Frauen ab 40 ihr Leben noch mal ändern oder erblühen, ist das Leben in Bolivien ja schon fast vorbei.

Eine bolivianische Freundin war mal in Deutschland zu Besuch. Eines Abends zappten wir durchs Fernsehprogramm, weil sie wissen wollte, was im deutschen Fernsehen läuft. Danach fragte sie mich, warum die Nachrichtensprecher (zwischen 30-40 Jahre) so alt wären, in Bolivien haben sie immer Junge.

Als im vorletzten Jahr Michael Jackson mit 50 Jahren starb und er war für westliche Verhältnisse jung sagte mir ein bolivianischer Freund folgendes: „Anoche hablaban mis compañeros, pero ya estaba viejo“ - aber er war ja schon alt.

Seit der Exodus in die USA und nach Europa begonnen hat und unverhältnismäßige Ausmaße angenommen hat, verzehrt sich das Familienbild in Lateinamerika. Meist versuchen die ärmeren Schichten ihr Glück im Ausland. Die reicheren Schichten zieht es seltener ins Ausland. Ledige, Paare wie auch Verheiratete verlassen das Land in der Hoffnung im Ausland sich und die Familie besser versorgen zu können. Zielländer sind vorwiegend Spa­nien, Italien, Schweden, Frankreich, Deutschland und die USA. Leider lassen auch Paare oder alleinstehende Frauen ihre Kinder in ihrem Heimatland zurück und fliegen in eine ungewisse Zukunft, angetrieben durch die Erzählungen von Nachbarn und Freunden, die jemanden in Spanien haben und Geld zurückschicken können. Viele kehren zurück, denn oft ist die Sehnsucht nach Bolivien trotz der schwierigen Verhältnisse größer. Ein zurückgekehrtes Paar, dass ich in Spanien und danach in Bolivien wiedertraf, brachte es auf den Punkt: Spanien vermissen wir nicht, aber den Euro.

So wie ich es bisher beobachten konnte, wird das Geld von den im Ausland lebenden Famili­enmitgliedern in Häuserbau, in ein Auto oder in einen kleinen Kiosk investiert. Die Häuser haben oft zwei Stockwerke nach europäischem Vorbild. Ich habe dadurch den Eindruck gewonnen, dass man damit zeigen wollte, dass man „es geschafft hat“.

So verändert sich das Familiengefüge und Kinder wachsen ohne Eltern auf, stattdessen bei Paten oder Oma oder Opa.

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