Der Andine Glaube

Inwieweit Heiler oder Schamane generell aufgesucht werden, kann ich nicht sagen, da ich das persönlich nicht miterlebt habe. Inwieweit die Rituale auf altem Wissen basieren oder nur zur Geschäftemacherei ausgenutzt werden, ist mir noch unbekannt. Mir wurde einmal gesagt, dass es auf Märkten keine echten Heiler gibt. Stände mit Zubehör zu Räucheropferungen wie tote Lamaföten, Talg und Süßigkeiten sind aber dennoch an vielen Märkten zu sehen.

Was aber sehr gut erforscht wurde, ist der andine Glaube, den die Kallawaya oder Callawaya nördlich von La Paz praktizieren. Sie sind weder mit den Aymaras, noch mit den Quechuas verwandt und gelten als Heiler oder Curanderos. Sie waren zu Zeiten der Inkas eine eigene Volksgruppe mit ihrer eigenen Sprache, der Puquina, und fungierten als Priester. Sie sind im weitesten Sinne Kräuterkundige. Durch die aufwendigen und detailgetreuen Forschungen von der Kulturanthropologin Ina Rösing sind ihre Rituale bekannt geworden. Die Callawaya wandern auch in weit entfernte Regionen und kümmern sich um physische und psychische Leiden. Der Vielgottglaube bildet für ihre Rituale die Basis für jedwede Art von Opferung. Man unterscheidet dabei

„das weiße Ritual für gute Dinge, das schwarze Ritual zur Bannung des Feindes (…) und das graue Ritual, welches vor allem ein Reinigungsritual ist.“1

Die Gottheiten, die Ortsgebunden sind, ehrt man mit Opferungen, sogenannten Opfertellern, damit sie sich für den dort lebenden Menschen wohlwollend zeigen. Wird man mit den Opfergaben nachlässig, steht man in der Opferschuld, so dass die Gottheiten durch das Ungleichgewicht von Nehmen und Geben Krankheiten und Unheil bei Mensch und Tier verursachen. Weiterhin kann durch Schwarzes Tun von Geistern oder Menschen Krankheiten ausgelöst werden. Auch ein Seelenverlust kann Krankheiten verursachen. Geschieht ein „sustre“, ein Erschrecken, so kann sich die große oder kleine Seele abtrennen, damit der Mensch überleben kann. Nach dem Erschrecken muss die Seele wieder zurückgeholt werden. In der Psychologie könnte man den „sustre“ mit „Verdrängen” im Sinne eines Trauma vergleichen. D.h. dass man bestimmte schmerzhafte Ereignisse derart verdrängt, dass man sie vergisst. Der Kopf denkt, dass das nicht passiert sei, weil es für den Menschen sehr schmerzhaft wäre, sich daran zu erinnern.

Interessant ist, dass auch unter den Callawaya ausgebildete Katechisten sind. Ihre Erklärung, wie sie beide Religionen miteinander verbinden ist, ist, dass ihre Götter für Angelegenheiten, die die Natur und den andinen Menschen betreffen, zuständig sind. Gott im Sinne des christlichen Glaubens hat eine universale Rolle und ist sozusagen für erhabene Dinge zuständig.

1 Rösing, Ina, Jeder Ort – ein heiliger Ort. Religion und Ritual in den Anden. Zürich 1997.

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