Beziehungen

Deutschland ist eine Gesellschaft, in der in weiten Teilen eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht. Im Gegensatz zu dieser Entwicklung ist Lateinamerika noch eine stark patriarchalische Gesellschaft. Die Einstellung zur Gleichberechtigung der Frau in der Partnerschaft und die Einstellung gegenüber der Sexualität sind etwas anders als in Deutschland.

Die Machokultur, in der der Mann eine eher dominierende Rolle einnimmt, sei es in der Beziehung, in der Familie oder am Arbeitsplatz, ist immer noch anzutreffen. Oft sagt man dem Lateinamerikaner nach, ein „mujeruego“, sprich ein Frauensammler zu sein. Mein bolivianischer Cousin gestand mir, dass ihm „toda las mujeres bonitas” gefallen.

„Yo tambien soy latino, nos encantan las mujeres, pero las bolivianas quieren controlar mucho. Pues, somos como coleccionistas, nunca estamos satisfechos con lo que tenemos.”1

Die bolivianische Frau hat also auch Grund zu kontrollieren und eifersüchtig zu sein. Die Männer beschweren sich deshalb auch. Dennoch schätzen sie es, dass sie „siempre piensan en su esposo“ – immer an ihren Mann denken. Bis jetzt habe ich keine Lateinamerikanerin getroffen, die einen Landsmann nicht mit einem Machista zu Deutsch Macho gleichgesetzt hat. Meine bolivianische Cousine sagte mal treffend: „ asi son, quien les entiende.“ – so sind sie, wer will sie verstehen. Natürlich entsteht dieses Männerbild nicht allein durch die Männer.

Wenn der Vater abwesend war oder als schwach als trinkend oder schlagend erlebt wurde, von der alleinerziehenden Mutter bewusst oder unbewusst abgewertet wird, bildet sich häufig ein negatives Bild über den Vater. Da der Sohn aus ihm entstanden ist, kommt er mit sich selbst in Konflikt. Lehnt er den Vaterteil in sich ab, lehnt er einen Teil seiner selbst mit ab.

So kann er von sich kein positives Selbstbild entwickeln. Er „verbrüdert“ sich mit der Mutter, vergöttert sie geradezu. Er spürt das Leid der Mutter und auch sie kann als schwach erlebt werden, da ihre Liebe ja auch begrenzt ist und sie den Vater nicht ersetzen kann. Kinder nehmen unbewusst das Leid ihrer Eltern auf sich. Unbewusst wird der Sohn oft so wie sein Vater, obwohl er nie so sein wollte. So geht der Sohn mit einer Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe in die Welt, die er irgendwie zu stillen sucht. Er sucht sie beim Chef, der ihn loben soll und bei den Frauen, die ihn satt machen sollen und oft mutterähnliche Eigenschaften besitzen. Frauen, die abwesende Elternteile erlebt haben, ziehen sich geradezu solche Männer an, die ihrem Vater ähnlich sind, die sie glücklich machen sollen. So finden zwei Sehnsüchtige zueinander und verletzen sich gegenseitig, weil der Partner ihnen die Mutter- oder/und Vaterliebe nicht geben kann.

Durch den oft abwesenden Vater in Bolivien, entsteht sowohl bei Frauen als auch bei Männern ein negatives Männerbild. Folglich wird es immer Frauen geben, die denken, dass Männer sie immer wieder verlassen und Männer, die denken, dass Frauen sie nicht satt machen können. 2

Wie stark Elterteile als abwesend empfunden werden richtet sich in Bolivien nach den verschiedenen Schichten, wobei sich die Frau dem Mann eher unterordnet. In den unteren Schichten, die meist aus Quechuas, Aymaras, Guaranis und anderen Ethnien bestehen, ist die Partnerschaft „ein Grund für Hoffnung und Glück.“3 Eine Ehe bildet damit eine Gemeinschaft. Liebe wird auch nicht so offen gezeigt, wie in den oberen Schichten, die meist in der Stadt leben. Deshalb liegt auch das Heiratsalter auf dem Land niedriger. Der Kinderreichtum war und ist vor allem bedingt dadurch, dass die Kinder die Altersvorsorge sind, weil es keine staatliche Rente gibt. Zum anderen ist die sexuelle Aufklärung nicht so ausgeprägt wie in Eu­ropa.

Romantik wird in Bolivien großgeschrieben. Liebesbekundungen können nicht kitschiger sein, außer wenn es um Kosenamen geht. Da sind sie nicht so erfinderisch wie ihre deutschen Kollegen. Kosenamen wie Bärchen, Mäuschen, die in Deutschland innerhalb und auch zum Leidwesen mancher Männer in der Öffentlichkeit angewendet werden, werden in Bolivien eher als lächerlich empfunden. Stattdessen gibt es für beide Geschlechter y.B. folgende Kosenamen: mi vida, mi amor, mi corazón, mi papi (für Männer) oder papucho, mami (für Frauen), mi rey oder reyna, bebe oder pequeña (für Frauen).

1„Mir gefallen alle Frauen. Ich bin auch Latino, uns gefallen alle Frauen, aber die Bolivianerinnen wollen viel kontrollieren. Wir sind halt Sammler, niemals sind wir mit dem zufrieden, was wir haben.“

2 Vgl. Potthast (2003), S. 400; meine bolivianische Cousine: „ellos solo saben hacer hijos para luego escapar. No saben cuidarse. Los bolivianos son ignorantes.

3 Liebe in den Zeiten des Wandels, in: Bolivia. Berichte und Analysen, Nr. 150.

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